Der Schutz vor blauem Licht auf Basis photobiologischer Forschung
Grundlegende Forschungsergebnisse
Licht als der sichtbare Bereich der elektromagnetischen Strahlung erstreckt sich von 380 nm im blauvioletten energiereicheren Wellenlängenbereich bis hin zu 780 nm im weniger energetischen Roten bzw. Nahen Infraroten. Alle anderen Farben liegen zwischen diesen Bereichen.
Klinische und Laborstudien zeigen, dass blaues Licht (400 – 480 nm) die Netzhaut (Retina), besonders das Pigmentepithel, schädigt. Durch die Absorption dieser Strahlung durch Flavine und Cytochrome in den Proteinkomplexen der Atmungskette in den Mitochondrien (Energiekraftwerke) der Zellen kommt es zur Reduktion der Energieerzeugung bzw. zu ATP-Mangel. Gleichzeitig werden verstärkt freie Sauerstoffradikale gebildet (Oxidativer Stress!), die die Mitochondrien zerstören und den Zelltod auslösen. Das führt einerseits zu der allseits gefürchteten Makuladegeneration (Makula oder Gelber Fleck ist der Ort des schärfsten Sehens in der Netzhaut) bis hin zum totalen Sehverlust [1] und andererseits wenn hauptsächlich die retinalen Ganglienzellen betroffen sind, zur Erhöhung des Augeninnendrucks (Glaukom auch „Grüner Star“ genannt) wodurch der Sehnerv geschädigt wird und ebenfalls Erblindung droht [2].
Hintergründe der Blaulichtschädigung
Das retinale Pigmentepithel ist durch Melanin, das redoxaktive Metalle bindet, vor oxidativen Angriffen geschützt, es wirkt antioxidativ und photoprotektiv. Mit zunehmendem Alter nimmt der Anteil an Melanin aufgrund photooxidativer Prozesse ab und der Gehalt an Melanolipofuscin zu. Für blaues Licht wirkt Lipofuscin als Photosensitizer und damit photooxidativ bzw. phototoxisch und erhöht zusätzlich den oxidativen Stress [3]. Dadurch werden die Membranen der Lysosomen zerstört und deren Inhalt (lysosomale Enzyme) in das Cytosol freigesetzt, wo sie dann über die Aktivierung des NLRP3 Inflammasoms eine starke Entzündungsreaktion auslösen [4].
Die Mitochondrien in den inneren Segmenten der Photorezeptoren (Stäbchen für Helligkeit- und Zapfen für die Farbwahrnehmung) sind aber nicht die alleinige Quelle für freie Sauerstoffradikale: Eine Arbeitsgruppe um Dr. Cora Röhlecke und Prof. Richard Funk vom Anatomieinstitut der TU-Dresden entdeckten, dass die äußeren Segmente der Photorezeptoren unter Einwirkung von blauem Licht große Mengen an Sauerstoffradikalen erzeugen und zwar deutlich mehr als die Mitochondrien. Ein weiteres wichtiges Ergebnis ihrer Arbeiten war die Bestätigung der Mitochondrien-ähnlichen Aktivität der äußeren Segmente [5]. Im Vergleich zu anderen Geweben ist die Netzhaut aufgrund des sehr hohen Sauerstoffgehalts der Aderhaut und der außerordentlich hohen Stoffwechselrate besonders anfällig für die Sauerstoffradikalbildung!
Zum Vergleich: die Wirkung von rotem Licht
Ganz anders ist die Lichtwirkung im roten langwelligen Bereich von 630 bis 800 nm: Hier kommt es zu einer Stimulierung der Atmungskette und einer verstärkten ATP-Bildung. Auch hier entstehen freie Sauerstoffradikale, aber nur in einem sehr geringen, für die Aufrechterhaltung wichtiger Signalwege erforderlichen Ausmaß. Gleichzeitig werden dabei Reparaturprozesse in Gang gesetzt, die Schäden von blauer Strahlung wieder reparieren [6].
Was heißt das nun für den Augenschutz?
Glühlampen
Bei Lichtquellen, bei denen es sich um Temperaturstrahler handelt, das heißt, wenn ein „schwarzer Körper“ (bei Glühlampen und Halogenlampen die Glühwendel aus Wolframdraht) auf hohe Temperatur gebracht wird, entsteht eine Strahlung, die viel rotes und IR-Licht emittiert und nur wenig blaues Licht enthält. Ganz wichtig ist, dass dabei ein kontinuierliches Spektrum entsteht, d. h. es sind alle!! Wellenlängenanteile enthalten, nicht nur einzelne (diskrete) Spektrallinien. Bei solchen Lichtquellen und der Sonnenstrahlung außerhalb der Mittagszeit im Sommer gibt es keinerlei Gefährdung für das Auge und es sind keinerlei Schutzbrillen erforderlich. Photobiologisch werden etwaige kleine Schäden durch die geringen, vernachlässigbaren Blauanteile durch die überproportionalen Rotanteile sofort repariert oder entstehen erst gar nicht. Gegen die hohe Leuchtdichte (Blendung) der Sonne oder von Halogenlampen schützt sich der Körper selbst durch Schließen der Augen. Mögliche Überdosierungen spüren wir anhand der begleitenden Wärme.
Gasentladungslampen und LED Licht
Ganz anders liegt die Situation bei Gasentladungslampen, zu denen die „Leuchtstoffröhren bzw. Energiesparlampen“ zählen, und bei den Leuchtdioden (LED). Hier wird jeweils eine sehr schmale Spektrallinie sehr hoher Intensität erzeugt (bei Leuchtstofflampen die UV-Linie mit 254 nm und bei der „weißen“ LED die blaue Linie mit etwa 450 nm) die dann durch Leuchtstoffe (Phosphore) in sichtbare Strahlung umgewandelt wird. Bei Leuchtstofflampen können das bis zu 8 Leuchtstoffe sein, um einem kontinuierlichen Spektrum so nahe wie möglich zu kommen, man spricht dann von 8-Banden-Lampen. Bei den meisten bisher eingesetzten weißen LED wird nur eine Phosphorschicht eingestzt, die blaues in gelbes Licht umwandelt. Viel blaues und mäßig viel gelbes Licht gibt das allseits bekannte „kalte“ LED-Licht.
Mittlerweile versucht die Industrie unter dem Schlagwort HCL (Human Centric Lighting) ein Sonnenlicht-ähnliches „weißes“ Licht zu erzeugen und zwar entweder durch Erzeugung von starker Violettstrahlung, die mit jeweils einem Phosphor in Blau, Grün, und Rot umgewandelt wird, oder durch die Verwendung diskreter blauer, grüner und roter LEDs in einem gemeinsamen Gehäuse. Egal welche Technologie hier auch immer angewendet wird, diese Lichtquellen kommen derzeit nicht an die Qualität des Lichtes von Temperaturstrahlern heran, bei denen die Intensität der Spektrallinien mit zunehmender Wellenlänge steigt.
Schutz vor überproportionalem Blauanteil
Das bedeutet, dass aufgrund der weiten Verbreitung von Leuchtstofflampen und LED (z.B. als Hintergrundbeleuchtung bei PC- und TV Flachbildschirmen) zum Schutz der Augengesundheit der überproportionale Blauanteil im Emissionsspektrum durch amberfarbige Schutzbrillen herausgefiltert werden muss [7]. Solche Schutzbrillen müssen hochwertig und vor allem geprüft sein, dass sie den Wellenlängenbereich von 400- 500 nm zuverlässig herausfiltern bzw. die erforderlichen Spezifikationen einhalten. Hier bietet die Fa. „INOVATIVE EYEWEAR“ eine große Palette von CE-spezifizierten Brillen der Marke PRiSMA® an, wo man wählen kann, wie stark die Filterung des Blauanteils und die noch erreichbare Farbwahrnehmung ist. Es gibt sogar eine zertifizierte Schutzbrille für nächtliches Autofahren. Zusätzlich ermöglicht eine solche Brille das bessere Erkennen von Konturen und Kontrasten und erhöht die Schärfentiefe. Eine gute Referenz dieser Firma ist zusätzlich auch die langjährige Zusammenarbeit mit Dr. Alexander Wunsch [8], einem ausgewiesenen Experten für Augengesundheit.
Die Natur als Vorbild
Die Sinnhaftigkeit der Verwendung solcher Schutzbrillen sieht man daran, dass die Natur auf gleiche Weise für den Schutz des Auges sorgt: die natürliche Augenlinse vergilbt im Laufe des Lebens und schützt die Netzhaut zunehmend vor blauer Strahlung. Eine enorm wichtige Erkenntnis für „Graue Star“-Operationen, wo man mittlerweile gelb gefärbte Kunstlinsen einsetzt nachdem man festgestellt hatte, dass bei Verwendung ungetönter Linsen die Patienten nach erfolgreicher OP sehr schnell eine Makuladegeneration entwickelten.
Mehrfachschädigung bei Bildschirmarbeit
Blaues Licht schädigt aber nicht nur die Netzhaut sondern auch die Hornhaut, die Bindehaut und die Augenlinse als vorderste Barriere des Auges. Besonders interessant ist dabei, dass die Schädigung umso stärker ist, je trockener das Auge ist [9]. Hier zeigt sich die Mehrfachschädigung des Auges bei Bildschirmarbeit: Durch den starren Blick auf den Bildschirm wird die Lidschlagfrequenz herabgesetzt, die Oberfläche des Auges wird dann, insbesondere bei niedriger Raumluftfeuchte und falsch eingestellter Bildschirmhöhe, nicht mehr ausreichend mit Flüssigkeit versorgt, ein Zustand der als „Office Eye“ oder „Sicca Syndrom“ bezeichnet wird und der Schädigung durch den hohen Blauanteil des Bildschirms weiter Vorschub leistet.
Beeinträchtigung des Hormonhaushaltes
Der Vollständigkeit halber muss hier erwähnt werden, dass blaues Licht massiv in den Hormonhaushalt eingreift: Zuviel blaues Licht in den Abendstunden verhindert die Produktion des Schlafhormons Melatonin und stört endogene Circadiane Rhythmen. Damit wird zum einen der Nachtschlaf, der dringend zur Regeneration des Körpers benötigt wird, gestört und zum anderen fehlt im Gehirn das zur Neutralisation von Sauerstoffradikalen bzw. zur neurologischen Tumorprophylaxe benötigte Melatonin.
Vorteile des Blaulichtschutzes in einer Arbeitsumgebung
Menschen, die nie richtig ausgeschlafen sind, sind wesentlich weniger leistungsfähig am Arbeitsplatz, was zu einer deutlich reduzierten Produktivität führt, wodurch es Arbeitgebern dringend zu empfehlen wäre, ihren Angestellten solche Brillen zur Verfügung zu stellen
Früher Start für optimalen Schutz
Wichtig beim Augenschutz ist auch, dass man rechtzeitig, also schon im Kindesalter, damit beginnt, denn Augenerkrankungen entwickeln sich sehr langsam, wenn man sie bemerkt, ist es meistens schon zu spät. Gerade bei Kindern, wo die Augenlinse noch farblos transparent ist, wird blaues Licht ungefiltert durchgelassen und ihre Makula stark belastet.
Hinzu kommt noch eine Anomalie, die nur bei Kindern auftritt: Normalerweise wird UV-Strahlung vom vorderen Teil des Auges (Hornhaut, Bindehaut, Linse) absorbiert (was unter anderem die Entstehung von Linsentrübung bzw. von Grauem Star erklärt), sodass nur sichtbare Strahlung, inklusive blauem Licht, bis zur Retina vordringen kann. Im ersten Lebensjahrzehnt besteht aber ein Transmissionsfenster im vorderen Augenteil bei 320 nm, wodurch es zu starker Lipofuszinbildung kommt, wenn das Kinderauge dieser UV-Strahlung ausgesetzt ist. Aus Studien weiß man, dass etwa 30 – 40 % der Lipofuszinmenge einer 90-jährigen Lebensspanne in diesem ersten Jahrzehnt entsteht. Im zweiten Jahrzehnt schließt sich dieses Fenster zwar wieder, aber das Risiko einer Makulaschädigung durch blaues Licht ist aufgrund der oben beschriebenen photooxidativen Wirkung von Lipofuszin dauerhaft erhöht [10]!
Auch hier ist es von Vorteil, eine Schutzbrille von PRiSMA® zu verwenden, weil bei diesen auch der UV-Schutz zertifiziert ist.
Zusammenfassung
Bei konsequentem Tragen von Schutzbrillen, die unterhalb von 500 nm alle Spektrallinien herausfiltern, kann die Auswirkung von blauem Licht auf folgende Erkrankungen verhindert werden:
- (altersbedingte) Makuladegeneration
- Grüner Star
- Grauer Star (bei Verwendung als Sonnenbrille mit Seitenschutz)
- Schlafstörungen
- Störungen des Hormonhaushalts, insbesondere von Melatonin
- Neurologische Tumore
Dipl.-Ing. Dr. Helmut Walter
Prof. an der Höheren Technischen Lehr- und Versuchsanstalt Waidhofen
Forschungslabor für Biomedizinische Technik
Ferdinand Andristr. 2/3
A-3340 WAIDHOFEN
Literatur:
[1] Kasun Ratnayake et al., “Blue light excited retinal intercepts cellular signaling”, Scientific Reports (2018) 8:10207, DOI:10.1038/s41598-018-28254-8
[2] Neville N. Osborne et al., „Visual light effects on mitochondria: The potential implications in relation to glaucoma”, Mitichondrion 36 (2017) 29-35
[3] Sally M. Yacout et al., “Characterization of Retinal Pigment Epithelial Melanin and Degraded Synthetic Melanin Using Mass Spectrometry and In Vitro Biochemical Diagnostics”, Photochemistry and Photobiology, 2019, 95: 183-191
[4] Carolina Brandstetter et al., “Inflammasome priming increases retinal pigment epithelial cell susceptibility to lipofuscin phototoxicity by changing the cell death mechanism from apoptosis to pyroptosis”, Journal of Photochemistry and Photobiology, B: Biology, 161 (2016) 177-183
[5] Cora Roehlecke et al, “Stress reaction in outer segments of photoreceptors after blue light irradiation”, PLoS ONE 8(9). E71570
[6] Boris T. Ivandic et al., “Low-Level Laser Therapy improves Vision in Patients with Age-Related Macular Degeneration”, Photomedicine and Laser Surgery”, Vol. 26, no. 3, 2008
[7] Kaho Hiromoto et al., “Colored lenses suppress blue light-emitting diode light-induced damage in photoreceptor-derived cells”, Journal of Biomedical Optics 21 (3) 035004 March 2016
[8] A. Wunsch, “Licht ist Leben- aber falsches Licht kann krank machen!”, AUGENBLICK Ausgabe 12, Mai 2012
[9] Veronika Marek et al., „Blue light phototoxity toward human corneal and conjunctival epithelial cells in basal and hyperosmolar conditions“, Free Radical Biology and Medicine 126 (2018) 27-40
[10] Elizabeth R. Gaillard et al., “Transmission of Light to the young Primate Retina: Possible Implications for the Formation of Lipofuscin”, Photochemistry and Photobiology, 2011, 87: 18-21