„Mit Begriffen wie Human Centric Lighting versucht man seither, Beleuchtungsanlagen zu vermarkten, die eine »biologisch wirksame« Lichtsituation für die Menschen schaffen sollen, indem sich tageszeitenabhängig die Blauanteile im Licht verändern. Dabei hat sich die Lichtindustrie als Indikator für die »biologische Wirksamkeit« ihres kalten Kunstlichts ausgerechnet das Melatonin ausgewählt.
Die simple Logik lautet: Melatonin macht müde, also unterdrücken wir die Melatoninausschüttung durch blau angereichertes Licht und schon werden die Arbeiter wach, produktiv und gut gelaunt. So einfach sind die Verhältnisse jedoch nicht, denn am Tag ist es in den meisten Fällen ohnehin viel zu hell, als dass es zu einer Melatoninausschüttung käme. Außerdem, das zeigen unter anderem die Forschungen von Hollwich, hört die Wirkung des blau angereicherten Lichts nicht bei der inneren Uhr und der Zirbeldrüse auf, sondern zieht viel weitere Kreise.
Durch die blaulichtbedingte Stimulation der verschiedenen Kerngebiete im Hypothalamus wird eine systemische Stressreaktion ausgelöst, die sich zum Beispiel über einen Anstieg der Stresshormone im Blut bemerkbar macht. Im Prinzip betrifft die hypothalamische Stimulation durch blau angereichertes Licht fast alle Hormone, die von der Hirnanhangdrüse als zentraler übergeordneter Schaltstelle des hormonellen Systems ausgeschüttet werden.
Im natürlichen Sonnenlicht sichert die durch Blaulicht getriggerte systemische Stressreaktion das Überleben, denn sie bereitet den Organismus auf ultraviolettes Licht und starke Sonneneinstrahlung vor:
Da Blau und Ultraviolett über den Planck’schen Kurvenzug miteinander gekoppelt sind, kann unser Organismus über die Helligkeit und die Messung der Blauanteile indirekt auf vorhandene unsichtbare UV-Strahlung schließen, denn mehr Blau bedeutet in der Natur auch mehr UV. Wenn wir uns jedoch in Innenräumen aufhalten, die mit blau angereichertem Licht beleuchtet werden, wird über den hypothalamischen Trakt ein Fehlalarm ausgelöst – mit weitreichenden Folgen.“
(Dr. med Alexander Wunsch, Die Kraft des Lichts, S. 135/136)